LU02b – Standardabweichung und die 68–95–99.7-Regel

Ziel: Du kannst die Standardabweichung als Streuungsmass erklären, die 68–95–99.7-Regel anwenden und Werte mithilfe des z-Scores standardisieren.


  • σ (Sigma) = Standardabweichung → misst, wie stark Werte um den Mittelwert streuen.
  • 68 % aller Werte liegen innerhalb von ± 1σ vom Mittelwert.
  • 95 % aller Werte liegen innerhalb von ± 2σ vom Mittelwert.
  • 99.7 % aller Werte liegen innerhalb von ± 3σ vom Mittelwert.

Die Standardabweichung σ (Sigma) misst, wie stark die Werte eines Datensatzes um den Mittelwert μ herum streuen.

Kleines vs. grosses Sigma im Vergleich

Sigma Bedeutung Kurvenform
Kleines σ Werte liegen eng beieinander Schmale, hohe Glocke
Grosses σ Werte sind weit gestreut Breite, flache Glocke
Merksatz: Ein kleines σ bedeutet Präzision (z.B. eine gut kalibrierte Maschine). Ein grosses σ bedeutet grosse Streuung (z.B. unterschiedliche Testergebnisse in einer heterogenen Klasse).

Die Formel für die Standardabweichung lautet:

Hinweis: In der Praxis verwenden wir oft einen Taschenrechner oder Software (Excel, Python) für die Berechnung.

Bei einer normalverteilten Datenmenge gilt immer folgende Faustregel:

Die 68-95-99.7-Regel der Normalverteilung

Bereich Anteil der Werte Bedeutung
μ ± 1σ 68 % Wahrscheinlich – 68 von 100 Werten fallen hier rein
μ ± 2σ 95 % Sehr wahrscheinlich – 95 von 100
μ ± 3σ 99.7 % Fast sicher – 997 von 1000

Diese Regel wird auch Empirische Regel genannt und ist eines der wichtigsten Werkzeuge der Statistik.

In einer Schule sind 95 % der Schülerinnen und Schüler zwischen 1.1 m und 1.7 m gross.

Angenommen, die Daten sind normalverteilt – gesucht: Mittelwert μ und Standardabweichung σ.

Schritt 1 – Mittelwert berechnen:

Schritt 2 – Standardabweichung berechnen:

95 % entsprechen ± 2σ → der Gesamtbereich von 1.1 bis 1.7 m umfasst 4σ:

Kontrolle:

  • 1σ-Bereich: 1.25 m – 1.55 m → ca. 68 % der Schüler
  • 2σ-Bereich: 1.10 m – 1.70 m → ca. 95 % der Schüler ✓
  • 3σ-Bereich: 0.95 m – 1.85 m → ca. 99.7 % der Schüler

Die Standardnormalverteilung (μ = 0, σ = 1) lässt sich in Zonen aufteilen:

Zone Anteil in diesem Bereich Kumulierter Anteil (ab −∞)
unter −3σ 0.1 % 0.1 %
−3σ bis −2σ 2.1 % 2.3 %
−2σ bis −1σ 13.6 % 15.9 %
−1σ bis 0 34.1 % 50.0 %
0 bis +1σ 34.1 % 84.1 %
+1σ bis +2σ 13.6 % 97.7 %
+2σ bis +3σ 2.1 % 99.7 %
über +3σ 0.1 % 99.9 %

Dein Testergebnis liegt 0.5 Standardabweichungen über dem Durchschnitt (z = +0.5). Wie viele Personen schnitten schlechter ab?

  • Anteil unter dem Mittelwert (z < 0): 50 %
  • Anteil zwischen 0 und +0.5σ: 19.1 %
  • Total: 69.1 % schnitten schlechter ab als du.

Eine Abfüllmaschine hat: \(\mu = 1010\) g, \(\sigma = 20\) g.

Problem: Etwa 31 % der Beutel enthalten weniger als 1000 g!

Ziel: 1000 g soll bei −2.5σ liegen (dann nur noch 0.6 % zu leichte Beutel).

Option A – Mittelwert erhöhen:

Option B – Streuung verringern:

Fazit: Mit der 68–95–99.7-Regel und dem z-Score können Produktionsprozesse quantitativ gesteuert werden – entweder durch Anpassen des Mittelwerts oder durch Verringern der Streuung.

Manchmal liegt kein Histogramm vor – man hat nur die rohen Datenwerte. Trotzdem lässt sich mit der empirischen Regel prüfen, ob die Daten näherungsweise normalverteilt (hügelförmig) sind.

> Grundidee: Wenn ein Datensatz wirklich normalverteilt ist, dann müssten ungefähr 68 %, 95 % und 99.7 % der Werte in den entsprechenden σ-Bändern liegen. Wir berechnen das selbst – und vergleichen.

Schritt 1 – Mittelwert μ und Standardabweichung σ berechnen

Aus den Rohdaten: \(\mu = \bar{x}\) und \(\sigma\) wie gewohnt (Taschenrechner oder Excel).

Schritt 2 – Die drei Intervallgrenzen bestimmen

\[ [\mu - \sigma \;;\; \mu + \sigma] \qquad [\mu - 2\sigma \;;\; \mu + 2\sigma] \qquad [\mu - 3\sigma \;;\; \mu + 3\sigma] \]

Schritt 3 – Werte in jedem Band zählen

Wie viele Datenpunkte liegen innerhalb jedes Intervalls? → Anzahl durch Gesamtanzahl \(n\) dividieren → Prozentwert.

Schritt 4 – Mit der 68–95–99.7-Regel vergleichen

Band Gemessener Anteil Erwarteter Anteil Beurteilung
μ ± 1σ (selbst berechnet) ≈ 68 % Abweichung < 10 % → OK
μ ± 2σ (selbst berechnet) ≈ 95 % Abweichung < 5 % → OK
μ ± 3σ (selbst berechnet) ≈ 99.7 % Fast alle Werte → OK

Wenn alle drei Werte gut übereinstimmen: Daten sind näherungsweise normalverteilt.

> Wichtig: Bei kleinen Stichproben (n < 30) sind Abweichungen normal – die Regel funktioniert besser bei grossen Datensätzen.

Gegeben: Testergebnisse von 30 Schülerinnen und Schülern (Punkte von 100):

62, 65, 68, 68, 70, 71, 72, 72, 73, 74,

74, 75, 75, 76, 76, 77, 77, 78, 78, 79,
79, 80, 81, 82, 82, 83, 84, 85, 87, 91

Schritt 1 – Kennzahlen berechnen:

\[ \mu = 76.8 \qquad \sigma = 6.1 \qquad n = 30 \]

Schritt 2 – Intervallgrenzen:

\[ \mu \pm 1\sigma = [70.7 \;;\; 82.9] \] \[ \mu \pm 2\sigma = [64.6 \;;\; 89.0] \] \[ \mu \pm 3\sigma = [58.5 \;;\; 95.1] \]

Schritt 3 – Werte zählen:

Band Intervall Anzahl Werte Anteil
μ ± 1σ [70.7 – 82.9] 21 von 30 70 %
μ ± 2σ [64.6 – 89.0] 28 von 30 93 %
μ ± 3σ [58.5 – 95.1] 30 von 30 100 %

Schritt 4 – Vergleich und Urteil:

Empirische Überprüfung der Normalverteilung

Band Gemessen Erwartet Differenz Urteil
μ ± 1σ 70 % 68 % +2 % ✓ passt gut
μ ± 2σ 93 % 95 % −2 % ✓ passt gut
μ ± 3σ 100 % 99.7 % +0.3 % ✓ passt gut

Fazit: Alle drei Bänder stimmen gut mit den Erwartungswerten überein → Die Testergebnisse sind näherungsweise normalverteilt.

Gegeben: Jahreseinkommen von 20 Personen (in TCHF):

42, 45, 47, 48, 50, 51, 52, 53, 55, 58,

60, 62, 65, 70, 80, 95, 110, 140, 200, 380

\[ \mu = 88.2 \qquad \sigma = 82.5 \qquad n = 20 \]

Band Intervall Anteil Erwartet Urteil
μ ± 1σ [5.7 – 170.7] 18 / 20 = 90 % 68 % ✗ zu viele
μ ± 2σ [−76.8 – 253.2] 19 / 20 = 95 % 95 % ~ passt zufällig
μ ± 3σ [−159.3 – 335.7] 19 / 20 = 95 % 99.7 % ✗ zu wenige

Fazit: Das 1σ-Band enthält 90 % statt 68 % → Die Daten sind rechtsschief verteilt, nicht normalverteilt. (Typisch für Einkommensdaten.)

1. μ und σ berechnen
2. Grenzen bestimmen:  μ±1σ,  μ±2σ,  μ±3σ
3. Werte in jedem Band zählen → Prozent berechnen
4. Vergleichen:
     ≈ 68 %  im 1σ-Band?
     ≈ 95 %  im 2σ-Band?
     ≈ 99.7% im 3σ-Band?
5. Urteil: Alle drei passen → näherungsweise normalverteilt ✓
           Starke Abweichungen → eher nicht normalverteilt ✗

> Einschränkung: Diese Methode ist ein pragmatischer Schnellcheck, kein formaler statistischer Test. Für eine strenge Prüfung gibt es spezielle Tests (z.B. Shapiro-Wilk), die aber ausserhalb des Lernziels dieser Einheit liegen.

  1. Ein Datensatz hat \(\mu = 50\) und \(\sigma = 10\). Welcher Anteil der Werte liegt zwischen 30 und 70?
  2. Berechne den z-Score für \(x = 75\), wenn \(\mu = 60\) und \(\sigma = 8\).
  3. Was bedeutet ein z-Score von −2.5 anschaulich?
  4. Warum ist die Standardisierung nützlich, wenn man Werte aus verschiedenen Verteilungen vergleichen will?
  5. Eine Maschine produziert Teile mit \(\mu = 100\) mm und \(\sigma = 2\) mm. Wie gross ist der Anteil der Teile, die kürzer als 96 mm sind?

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  • Zuletzt geändert: 2026/04/13 09:32
  • von kmaurizi